Herkunft
André Eisermann wurde am 28. Okt. 1967 in Worms am Rhein geboren. Er ist der einzige Sohn eines Schaustellerehepaars, das eine Büchsenwurfbude betrieb. Seine Großmutter arbeitete als Schlangenfrau, sein Urgroßvater war Zirkusunternehmer und Bärendompteur und trat als "stärkster Mann der Welt" auf.
Ausbildung
Da seine Eltern von Rummelplatz zu Rummelplatz zogen, wechselte E. lange Zeit ständig die Schule. Schließlich verbrachte er drei Jahre in einem Internat. Dann zog er nach München, um von 1988-1991 an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule Schauspiel zu studieren. Erste Theatererfahrungen sammelte er beim Straßen- und Clowntheater in Mannheim (1986/1987), bei Proben des Regisseurs Axel Corti am Theater in der Josefstadt, Wien (1987), und ab 1989 an den Münchner Kammerspielen sowie am Bayerischen Staatsschauspiel.
Wirken
Wechselhafte SchauspielkarriereDas Berufsleben des vielseitigen Schauspielers begann 1989/1990 auf der Theaterbühne und beim Film. Im Laufe seiner Karriere übernahm E. zudem Fernsehrollen, spielte in Musicals, ging mit einer "Hommage an das fahrende Volk" (1998) auf Tournee, gastierte mit seiner Show "Goethe - Werther – Eisermann. A spoken Word Performance"(1999) u. a. in Frankfurts Alter Oper, tanzte als Zettel im Ballett "Ein Sommernachtstraum" (1999) an der Deutschen Oper Berlin, war in "F@lko - a Cyber Show"-Multimediaspektakel (2000) zu sehen und schrieb eine Autobiographie. In späteren Jahren stand er häufig auf Festspielbühnen. Er sei eben jemand, der alles ausprobiere, befand E. selbst. Dieter Wedel sagte einmal über ihn: "Gemessen an dem, was er kann, müssten sich Regisseure und Produzenten um ihn reißen. Leider gilt er in der Branche als schwierig und unberechenbar- so aber habe ich ihn nie erlebt" (vgl. Bunte 7.8.2008).
KinofilmeEinem breiten Publikum wurde E. durch seine Rollen in Kinofilmen bekannt. Sein Filmdebüt feierte er 1991 mit einer kleinen Rolle in Peter Timms Ost-West-Komödie "Go Trabi Go". 1993 war E. dann gemeinsam mit Jürgen Vogel in Martin Weinharts Provinzdrama "Durst" zu sehen. Der Durchbruch gelang ihm in dem ebenfalls 1993 erschienenen Drama "Kaspar Hauser" von Peter Sehr an der Seite von Uwe Ochsenknecht und Katharina Thalbach. Drei Jahre lang hatte Sehr an diesem spektakulären Kriminalfall des 19. Jahrhunderts gearbeitet. Er stellte in seiner "solide inszenierten Historienverfilmung" (WELT, 27.1.1994) den berühmtesten Findling Europas als Opfer sowie "Trumpfkarte" der brutalen Machtpolitik deutscher Kleinstaaten dar. Der Film überzeugte nach übereinstimmender Kritikermeinung vor allem durch E.s präzise Darstellung des vom Schicksal gepeinigten Titelhelden. Eigenem Bekunden zufolge las der mehrfach für seine Kaspar-Hauser-Interpretation ausgezeichnete E. zur Vorbereitung auf diese Rolle etwa 30 Bücher über Hauser und zog sich vom Genussleben sehr zurück, "um das Gefühl des 19. Jahrhunderts zu empfinden" (SZ, 21.1.1994).
Seinen zweiten großen Filmerfolg feierte E. 1995 als Hauptdarsteller in Joseph Vilsmaiers mehrfach ausgezeichnetem Alpendrama "Schlafes Bruder" nach einem Roman von Robert Schneider, in dem er wiederum einen tragischen Außenseiter, das verkannte Musikgenie Johannes Elias Alder aus dem abgeschiedenen österreichischen Bergdorf Eschberg, spielte. Dieser Film wurde u. a. für den Golden Globe in Hollywood nominiert. Danach stand E. in Michael Hanekes Kafka-Adaption "Das Schloss" (1996) erneut vor der Filmkamera. 2000 erhielt er eine Rolle in dem deutsch-amerikanischen Liebesfilm "Hawaiin Gardens - Dog Shit", der jedoch wenig Beachtung fand. Nach einer Rolle in der Tragikomödie "Yu" (2003; Regie Franz Novotny) wirkte E. erst wieder 2011 in Tarek Ehlails "Gegengerade" mit, einem Film über den FC Sankt Pauli, der bei den Kritikern durchfiel. Ein Jahr später erhielt E. dann in dem mit großem Staraufgebot gedrehten Historiendrama "Ludwig II." (2012; Regie Peter Sehr/Marie Noelle), das vom Leben Königs Ludwig II. von Bayern erzählt, die Rolle des Verräters Karl Hesselschwerdt.
TheaterrollenIn München erlebte das Theaterpublikum E. 1989 in Peter Handkes "Kaspar", 1990 in der Anna-Badora-Inszenierung von "Victor oder Die Kinder an der Macht" sowie in Edwin Noéls Interpretation von "Fegefeuer in Ingolstadt" und 1991 in Wedekinds "Frühlings Erwachen", das Amélie Niermeyer am Bayerischen Staatsschauspiel inszenierte. 1992/1993 war E. am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden engagiert und spielte dort u. a. in "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos" (Regie: Verena Plümer/Annegret Ritzel). 1994 wechselte E. für zwei Jahre an das Hamburger Thalia-Theater und stellte hier seine Darstellerkunst u. a. in "Delirium" (Regie: George Tabori), "Der neue Menoza" (Regie: Niklas Sykosch) sowie in Ruth Berghaus' Inszenierung von "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" unter Beweis. Im Juni 1996 verließ er das Thalia-Theater, weil es ihm nach eigener Aussage zunehmend schwerfiel, seine Verpflichtungen als festes Ensemblemitglied mit der Filmarbeit zu koordinieren (vgl. DIE WELT, 13.10.1995), übernahm aber immer wieder als freier Schauspieler Theaterrollen, etwa in "Cabaret" am Theater in der Josefstadt, Wien, als Conférencier. Als er 2005 nach Füssen kam, um in dem Musical Ludwig II. (Musik: Konstantin Wecker) zu spielen, begnügte er sich nicht mit der Rolle von Ludwigs geisteskrankem Bruder Otto, sondern übernahm künstlerische Mitverantwortung, setzte sich beim Marketing ein und gestaltete Bühnenbilder und brachte so "frischen Wind" (SZ 22.5.2005) auf die Bühne.
FestspieleIm Laufe der Zeit verkörperte E. immer häufiger Rollen bei Festspielen. So war er in Salzburg 1996 in Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" (Regie: Leander Haußmann) als Puck zu sehen. Ab dem Jahr 2002 gehörte er zum Ensemble der Wormser Nibelungen-Festspiele, deren Mitinitiator er war, wo er, meist unter der Regie von Dieter Wedel, u. a. zwischen 2002 und 2009 in verschiedenen "Nibelungen"-Aufführungen als Burgunderkönig Giselher, 2009 in "Das Leben des Siegfried" als Siegfried, 2011 in "Die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß" als Sturm und 2014 in "Hebbels Nibelungen – born to die" als Kaplan auf der Bühne stand. 2012 und 2013 übernahm er dann bei den Berliner Jedermann-Festspielen (Regie: Brigitte Grothum) die Rolle des Mammon.
AutobiographieIm Herbst 2002 stellte E. unter dem Titel "1. Reihe Mitte. Ein Schaustellerleben" seine autobiographische Erzählung vor, mit der er anschließend auf Lesereise durch Deutschland tourte. DIE WELT (16.11.2002) rezensierte E.s Erstling als "eine lesenswerte Künstlergeschichte mit viel Herz und jeder Menge 'Budenzauber'".
Familie
E. lebt auf Mallorca.
Werke
Theaterrollen u. a. in: "Kaspar" (89; München), "Victor oder Die Kinder an der Macht" (90; München), "Fegefeuer in Ingolstadt" (90; München), "Frühlings Erwachen" (91; München), "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos" (92/93; Wiesbaden), "Delirium" (94; Hamburg), "Der neue Menoza" (94; Hamburg), "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" (95; Hamburg), "Ein Sommernachtstraum" (96; Salzburg), "Die falsche Zofe" (96; Hamburg), "Hommage an das fahrende Volk" (98), "Goethe - Werther - Eisermann. A Spoken Word Performance" (00), Nibelungen-Festspiele Worms (02-14), "Tabaluga" (04, Tournee), "Ludwig II." (05; Musical, Füssen), "Die 39 Stufen" (08/09; Köln), Jedermann-Festspiele Berlin (12/13), Filme: "Go Trabi Go" (91), "Kaspar Hauser" (92/93), "Durst" (93), "Schlafes Bruder" (94/95), "Das Schloss" (96), "Rot wie das Blut" (98; TV), "Hawaiian Gardens" (00), "Die Nibelungen" (02), "Yu" (03), "Tatort – Gesang der toten Dinge" (TV; 09), "Gegengerade - 20359 St. Pauli" (11), "Ludwig II." (12).
Auszeichnungen
Auszeichnungen u. a.: Spezialpreis "Bronzener Leopard", Filmfestival Locarno (93), Bayerischer Filmpreis (93) und Deutscher Filmpreis - Filmband in Gold (94; alle für "Kaspar Hauser"), Goldene Ehrennadel des Deutschen Schaustellerbundes (03).
Adresse
E-Mail: andreeisermann@aol.com, Internet: www.andre-eisermann.com