Marcel Landowski

*  18. Februar 1915

†  23. Dezember 1999

von Peter Jost

Essay

Komponist und Reformer

Heute wird Marcel Landowski in Frankreich stärker mit seinen umfangreichen Reformen des Musiklebens als mit seinem kompositorischen Werk verbunden. Dies zeichnete sich bereits in den Nekrologen ab, deren Autoren (Lompech 1999, Livio 2000) diesen Sachverhalt mit Bedauern registrierten, sich aber gezwungen sahen, ebenfalls dem Reformer breiteren Raum als dem Komponisten zu widmen (dazu kritisch Duteurtre 2000). Da Landowski als Direktor des Konservatoriums in Boulogne-sur-Seine und Musikdirektor der Comédie-Française die zu Beginn der 1960er-Jahre desaströse Situation in der Ausbildung und Praxis der Musiker eng vertraut war, entwickelte er 1964 nach seiner Berufung an das von André Malraux geleitete Kulturministerium als Inspecteur général de lʼEnseignement musical einen Zehnjahresplan zur Neustrukturierung des Musiklebens auf der Grundlage eines deutlich erhöhten Budgets (vgl. Landowski 1969). Mit der Ausgliederung der Musik aus der ministeriellen Verwaltung der Künste als eigenständige Sektion, der er ab 1966 als Directeur de la musique vorstand, verschärfte sich der schon davor schwelende Konflikt mit führenden Köpfen avantgardistischer Stilrichtungen, namentlich mit Pierre Boulez. Während dieser sich für die Förderung von wenigen Institutionen auf höchstem Niveau aussprach, favorisierte Landowski, ohne die Unterstützung von Hochbegabten auszuklammern, den flächendeckenden Ausbau der Musikausbildung ...