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Geon-Yong Lee [Kŏn-Yong Yi], geboren am 30. September 1947 in Taedong-gun bei Pʼyŏngyang (Nord-Korea), entstammt einer Pfarrersfamilie und ist nach dem Koreakrieg mit sieben Geschwistern in Seoul (Süd-Korea) aufgewachsen. Infolge des täglichen Gottesdienstes der Familie, bei dem vierstimmige Choräle gesungen wurden, lernte er Grundlagen der Harmonik kennen. Dass er durch Schuberts Lieder, die ihm sein Vater nahebrachte, fasziniert war, spielte auf seinem Weg zum Komponisten eine entscheidende Rolle. Ersten Tonsatzunterricht erhielt Lee von Tal-Sŏng Kim an der Seoul Arts Highschool. Seit 1965 studierte er bei Tal-Sŏng Kim und Sŏng-Jae Yi Komposition an der Seoul National University. Er unterbrach sein Studium jedoch, weil er sich dem Schauspiel und der Literatur zuwandte. 1967 wurde Lee für seine Novelle Sŏkki Sidae [Steinzeit] mit dem Literatur-Preis der Sinchʼun Munye in Seoul ausgezeichnet.
Mit Hilfe eines Stipendiums des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland kam Lee 1976 nach Frankfurt/Main, um dort an der Hochschule für Musik bei
1981 gründete Lee in Taegu den Komponistenverein »Chesam Sedae« [Dritte Generation], durch den koreanische Nachwuchsmusiker wichtige Impulse erhielten. 1983–93 war er an der Seoul National University als Professor für Musiktheorie tätig; ab 1993 lehrte er Komposition an der Korean National University of Arts, an deren Gründung er beteiligt war. Neben seinen Kompositionen verfasste Lee Bücher zur Musiktheorie sowie zahlreiche Kritiken zur gegenwärtigen koreanischen Musik und Kultur. 1991 war er Artist-in-residence des Asian Institute for Liturgy & Music in Manila, 1999 Fellow der Japan Foundation in Tokyo, 2006 Fellow des Asian Cultural Councils der Rockefeller Foundation in New York.
Lee erhielt u.a. den Konggan Musikpreis (1982), den Seoul Muyong Ŭmak Sang [Tanzfestival Musikpreis] (1993), den von der Radio- und Fernsehanstalt KBS vergebenen Grand Prix für traditionelle koreanische Musik (1995), den Kumho Musikpreis (Seoul 1998) und den Seouler Kulturpreis (2010).
Lee ist nicht nur ein gefragter Komponist und Mentor in Korea, sondern auch Musiktheoretiker, Kritiker sowie Administrator im Kulturbereich. Neben seiner Tätigkeit als Dirigent des Chors der Episcopal Church (Sŏnggonghoe) in Seoul war er u.a. Vorsitzender der Minjok Ŭmak Yŏnʼguhoe [Forschungsgesellschaft der koreanischen Nationalmusik] (1989–99) und Präsident der Korean National University of Arts (2002–06). 2012 übernahm er die Leitung der Seoul Metropolitan Opera sowie der Abteilung »westliche« Musik des Sejong Center for the Performing Arts.
Stand:
Das kompositorische Schaffen von Geon-Yong Lee ist primär durch eine Vokalidiomatik geprägt, die der westlichen Kirchenmusik zugrunde liegt. Mit 16 Jahren widmete er seinen Eltern zum 25. Hochzeitstag ein Lied, das er autodidaktisch erarbeitet hatte, wobei er sich stilistisch an Schubert orientierte. Diese Grundprägung entfaltete Lee im Laufe seiner kompositorischen Entwicklung in mehreren Facetten, wobei er westliche Satztechniken mit Idiomen der traditionellen koreanischen Musik verknüpfte.
In den 1970er-Jahren komponierte Lee zahlreiche stilistisch moderne Klavierlieder auf zeitgenössische koreanische Gedichte, u.a. von Ŭn-Kyo Kang (Jg. 1946) wie Uriga Muri toeŏ [Wir werden zu Wasser] (1975) und Hŏjongga (1975) usw. Bald kam er mit der traditionellen koreanischen Kunstmusik in Kontakt, wobei er zunächst vor allem für traditionelle koreanische Instrumente komponierte, z.B. Punhyang für Yŏ Chang [koreanische Frauenstimme] und 14 Instrumentalisten (1974) oder Chokssang für ein Ensemble koreanischer Instrumente (1975).
Während des dreijährigen Studiums bei Heinz Werner Zimmermann entstanden vier Chorwerke, darunter Halleluja, aus der Tiefe (Psalm 150 und 130, 1978). Eine Besonderheit aus dieser Zeit stellt Kyŏl für zwei Flöten und Streichorchester (1979) dar: Das vergleichsweise avantgardistische Stück zeigt bereits Lees spezifische Melodik und Harmonik, wobei die Klangtechnik von
Nach seiner Rückkehr nach Korea entstanden zwar Werke im Stil westlicher neuer Musik wie Cello Sanjo für Violoncello solo (1980) oder Phrygian Sanjo für fünf Klarinetten (1980), doch kehrte Lee sich nach der Gründung des Komponistenvereins »Chesam Sedae« [Dritte Generation] von der westlichen Avantgarde ab: Er komponierte Kammermusikwerke für westliche Instrumente (Sextett für drei Violen und drei Violoncelli, 1982), für traditionelle koreanische Instrumente (Präludium aus dem Nam-Ryŏ [zehnter Ton der zwölf Yul], 1984) sowie für gemischte, koreanisch-westliche Besetzungen (erstmals mit Sirŭm – Norŭm II für Alt-Saxophon, Pʼiri, Ajaeng und Violoncello, 1984).
In einigen Chorwerken artikulierte Lee in den 1980er-Jahren Widerstand gegen die Militärdiktatur seines Landes, so in der Psalmkantate Punno ŭi Ssi [Gedicht des Zorns] für Chor und ein (mit traditionellen koreanischen Instrumenten besetztes) Kugak-Orchester (1985), wobei die traditionelle koreanische Gestik mit kirchenmusikalischen Idiomen gekoppelt ist, sowie in Mansu-san Tŭrŏngchʼik für Bariton solo, Chor und ein Kugak-Orchester (Chi-u Hwang, 1987).
Seit den 1990er-Jahren versucht Lee, der grundlegenden Emotionalität von Koreanern kompositorisch nachzuspüren, in Paettaragi für Klarinette und Streichquartett (1992) oder der Kammermusikreihe Chŏnyŏk Norae [Abendlied] (1997/2006). In diese Schaffensphase fallen auch die Kantate Tŭrŭi Norae [Lied des Feldes] (Kang-Baek Lee, 1994), die Opern Pom Pom [Frühling, Frühling] (Geon-Yong Lee nach Yu-Jŏng Kim, 2000) und Tongsŭng [Kleiner Mönch] (nach Se-Tŏk Ham, 2004) sowie die Passion Jesu Christi (Evangelien, Kirchenlieder und eigene Texte, 2007).